[Rezension] „Der Raritätenladen“ – Charles Dickens

Ein Klassiker von Charles Dickens – liebenswert, gesellschaftskritisch…

Quelle: eigenes Foto

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Inhalt:

Nell’s Großvater ist Besitzer eines Raritätenladens im London des 19. Jahrhunderts. Nachts ist er stets außer Haus, niemand weiß so recht, wo er ist, doch die 14-jährige Nell wartet (un)geduldig auf seine Rückkehr. Die beiden sind ein liebevolles, aufeinander eingespieltes Team, doch diese Idylle hat Feinde: Quilp, ein kleiner, häßlicher und widerlicher Zwerg, macht ihnen das Leben schwer – so schwer, dass sie schließlich Haus und Stadt verlassen auf der Suche nach einer neuen, ruhigen und friedvollen Heimat – ein neuer Anfang vielleicht? Auf ihrer Wanderung begegnen sie allerlei skurrilen und wunderlichen Personen, erleben viele Abenteuer – kurz, sie lernen die Menschen kennen…

 Meine Meinung:

Ein Roman von Dickens, der wieder einmal zeigt, wie gut sich der Autor darauf versteht, die Gesellschaft im Allgemeinen und die Menschen im Besonderen darzustellen. Seine Charaktere sind meist entweder sehr ehrlich, liebenswert, und über alle Zweifel erhaben, oder genau das Gegenteil: widerlich, verschlagen,  sich ergötzend am Leid anderer Menschen. Aber natürlich gibt es auch überaus facettenreiche und geheimnisvolle Figuren, die für Abwechslung und Überraschungen sorgen.

Dickens zeichnet ein recht umfangreiches, sehr lebendiges und detailliertes Bild des London/Englands im 19. Jahrhundert – Sprache, Unterhaltungen, gesellschaftliches Gebaren und Ansichten können sehr gut nachempfunden werden und man kann sich das Leben in der beschriebenen Zeit sehr gut vorstellen.

Gewisse Personen ziehen schnell die ungeteilte Sympathie/Antipathie des Lesers auf sich: die engelsgleiche und liebreizende Nell, der ehrliche Kit und der mit seinem Schicksal hadernde Großvater scheint man dabei unzweifelhaft einschätzen zu können, ebenso wie der kleine Widerling Quilp, bei anderen hingegen kann man sich nicht unbedingt sicher sein, wie sie sich entwickeln… Überaus geschickt hat Dickens Geheimnisse eingebaut, die die Spannung aufrecht erhalten und so bleibt dieser Roman, ein Klassiker erster Güte, bis zur letzten Seite unterhaltsam und lesenswert – nicht zuletzt wegen des „Dickens-eigenen“ Witzes und Sarkasmus, den er immer wieder an den Tag legt und der dem Roman seine eigene Handschrift und seinen Stempel verleiht.

Teilweise erscheint die Geschichte und die Figuren für unser heutiges Leseverhalten und Leseverständnis vielleicht etwas übertrieben, zu gut einerseits, zu böse andererseits. Dennoch: es passt alles zusammen, jede Zeit hat  ihren Schreibstil, und wenn man sich als Leser darauf einlässt, versinkt man nur allzu schnell im Geschehen rund um Nell, ihrem Großvater, Kit und dem alten Widerling – und natürlich im „alten England“ .

Übrigens: Sehr bereichernd finde ich meine Buch-Ausgabe von 1974 aus dem Verlag Rütten und Loening, eine gebundene Ausgabe, die 59 schwarz-weiß Illustrationen enthält, die die Szenen und Figuren noch bildhafter und lebendiger werden lassen ! Ich finde es schade, dass Klassiker heute oft nur noch als Taschenbuch neu aufgelegt werden – dabei sollten gerade Klassiker, die zum wiederholten Lesen einladen, als stabile und beständige, gebundene Ausgabe erhältlich sein (meine Meinung 😉 ).

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 Meine Lieblingszitate:

„Es schmerzt mich immer, wenn ich sehe, daß Kinder, die noch kaum den Erstlingsschuhen entwachsen sind, den Ernst des Lebens kennenlernen. Das gibt ihrem Zutrauen und ihrer Unbefangenheit – zwei der besten Eigenschaften, die ihnen der Himmel schenkt – einen großen Stoß und verlangt ihnen ab, unsere Sorgen zu teilen, ehe sie in der Lage sind, an unseren Freuden teilzunehmen.“ S. 12

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„… indes werden sie sich freundlichst erinnern müssen, daß sich Doktoren selten an ihre Rezepte halten und Pastoren sich nicht immer danach benehmen, was sie predigen; gleicherweise scheuen sich Juristen, sich in eigener Sache auf das Gesetz einzulassen, da sie es asl ein scharfes Werkzeug zweifelhafter Anwendung kennen, sehr kostspielig im Gebrauch und eher bemerkenswert für seine Eigenschaft, einem das Messer an die Kehle zu setzen, als den richtigen Mann unsers Messer zu bekommen“. S. 366

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„… wenn Familiengefühl und Liebe zur Familie je des Ruhmes wert sind, so bestimmt bei den Armen. Die Bande, die den Reichen und Stolzen an das Haus fesseln, mögen auf Erden geschmiedet sein, jene aber, die den armen Mann an seinen bescheidenen Herd ketten, sind aus echtem Metall und tragen den Stempel des Himmels.“ S. 376

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Meine Lieblingsfigur:

Wie könnte es anders sein: „Kit“ – eine treue Seele

Fazit:

Ein Klassiker von Charles Dickens, der vielleicht nicht ganz so bekannt ist wie z.B. „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“, aber nichts desto trotz genauso lesenswert und unterhaltsam !

Meine Bewertung: 5 Buch-Bubis bookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folder

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Über BirthesLesezeit

Leseratte "Ü40" . Ich lese so ziemlich alles, was Buchstaben hat, wobei das Genre nebensächlich ist, Hauptsache, Geschichte und Schreibstil sprechen mich an.
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