[Rezension] „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ Michael Köhlmeier

Das Leben eines charmanten Verbrechers

Inhalt:

Joel Spazierer schreibt einen wahren Schelmenroman, nämliche seine eigene Lebensgeschichte: die Geschichte eines überaus intelligenten Blenders, dem es mit seinem überaus charmanten Wesen gelingt, sämtliche Menschen in seinem Umfeld für sich einzunehmen und zu manipulieren.
Auf seiner oft tollkühnen Lebensreise, beginnend in Budapest im Alter von vier Jahren, durchlebt er sämtliche Höhen und Tiefen eines Menschen, der nach eigenen Aussagen „nie den Ehrgeiz besaß, ein guter Mensch zu werden“.

Meine Meinung:
650 Seiten liegen hinter mir – 650 Seiten, die das Leben einer fiktiven Figur beschreiben, nämlich die des Hochstaplers Joel Spazierer, der – nunmehr über 60 Jahre alt, von seinem Freund dabei unterstützt wird, seine Geschichte aufzuschreiben: Einen wahren Schelmenroman, bei dem es wohl nicht nur dem Leser oft schwerfällt, Wahrheit und Lüge voneinander zu trennen. Der Erzähler Joel Spazierer selbst vermischt oft Wahrheit mit Lüge, so wie wohl auch sein ganzes Leben ein einziges großes Flechtwerk aus Realität und Fiktion ist. Mit einer hohen Intelligenz ausgestattet, nutzt er diese, um andere Menschen zu täuschen, für sich einzunehmen… und dies geschieht oft so charmant und naiv anmutend, dass man ihm zu Beginn sprich im Kindes- und Jugendalter einfach nicht böse sein kann und geradezu Mitleid mit ihm hat. Doch je älter er wird und je bewusster er seine Manipulationsmöglickeiten einsetzt, umso mehr leidet die Sympathie, die man ihm bis hierhin entgegenbringt – aus dem kleinen, unschuldigen Jungen wird ein Mann ohne jegliche Empathie, der jedoch andererseits dieselbe seiner Mitmenschen für sich jederzeit auszunutzen weiß und der zum Gauner, Hochstapler, ja sogar Mörder wird.
Das Fehlen von Mitgefühl schlägt sich sogar im Erzählstil aus: der Autor Michael Köhlmeier lässt seine Figur Joel Spazierer (nur einer von vielen Namen, die Joel Spazierer im Verlauf seines Lebens annimmt) seine eigene Geschichte erzählen, wodurch einerseits eine große Nähe und „Glaubwürdigkeit“ erzeugt wird, die aber gleichzeitig den Leser auf Distanz hält. Wie das geht? Joel Spazierer lässt keinen Zweifel daran, dass sein Freund und Ratgeber ihn zu diesem Roman gedrängt hat, ihm Tipps gegeben hat, was einen guten Roman ausmacht, sodass der Leser nie sicher sein kann, ob da gerade Gelesene der Fantasie des Erzählers entspringt, um den „Schelmenroman“ besonders lesenswert zu machen, oder ob die geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben – ganz abgesehen von der Tatsache, dass eine Charaktereigenschaft des Erzählers „Lügen“ heißt.  Außerdem fällt es mir schwer, ihm abzunehmen, dass er – nach eigenen Angaben – nie gelernt hat, was Gut und Böse ist und keinerlei Erziehung genossen hat. Sicherlich, die Rahmenbedingungen seiner Kindheit in der Nachkriegszeit waren nicht ideal, und die fünf Tagen, die er im Alter von vier Jahren alleine in der Wohnung in Budapest zubringen musste, schockieren und prägen ein vierjähriges Kind zweifellos, dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass er ohne Fürsorge aufwuchs und ihm nur „falsche“ Werte vermittelt wurden. Im Gegenteil…

Und so kommt es, dass man selbst nach 650 Seiten nicht so recht weiß, ob man diesen zweifellos intelligenten und hervorragenden Geschichtenerzähler sympathisch finden soll oder nicht: es mag sich seltsam anhören, aber man erfährt trotz des Umfang des Buches immer noch zu wenig über die Person Joel Spazierer, vieles bleibt rätselhaft und geradezu undurchschaubar. Fast schon könnte man Mitleid mit dem „armen Jungen“ bekommen, der selbst mit über 60 noch nicht so recht erwachsen scheint und ja scheinbar ganz unschuldig zu diesem Leben gedrängt wurde… Oder vielleicht doch nicht – vielleicht ist auch der Leser gerade auf seinen überaus großen Charme und sein einnehmendes Wesen hereingefallen ? ;-).
Die Lebensbeschreibung ist einerseits recht einseitig, beschränkt sich im Wesentlichen auf Ereignisse, die spektakulär und abenteuerlich sind – und nicht unbedingt erfreulich. Dabei hätte er durchaus auch Positives zu berichten: im Umgang mit seinen Frauen und Kindern zeigt er sich von einer völlig überraschenden Seite, doch hiervon erfährt der Leser nur am Rande, genauso wie von anderen, positiven Begebenheiten in seinem Leben, seinem Elternhaus.
Andererseits ist sein Leben sehr abenteuerlich, er hat viel erlebt, kennengelernt, wodurch der Roman abwechslungsreich ist, gespickt mit philosophische Einblendungen und ebenso informativen wie beeindruckenden Einblicken in die Konflikte zwischen Ungarn und Österreich in der Nachkriegszeit.

Eine Bewertung des Buches fällt mir schwer – es ist nicht einfach, meine Gefühle für den Protagonisten von dem Gesamteindruck der Geschichte zu trennen. Die Geschichte selbst hat mich fasziniert, auch wenn es mir bis zum Schluss nicht recht gelungen ist, die Hauptfigur wirklich kennenzulernen . Der Erzählstil von Michael Köhlmeier / Joel Spazierer ist fesselnd, wenn auch hin und wieder etwas sprunghaft und dadurch verwirrend – aber gerade dadurch spiegelt er gleichzeitig auch das wechselhafte und unstete Leben des Protagonisten.

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Mein(e) Lieblingszitat(e):

„Wenn ein Erwachsener einen kindlichen Menschen mimen will, ist er kindisch und weiter nichts. Es gibt keine kindlischen Menschen. Ein Mensch mit drei Jahren fühlt sich nicht als Kind. Dass man Kind ist, merkt man erst mit fünf. Und da will man schon keines mehr sein.“ S. 11

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„Ich begriff den Unterschied zwischen Modell und Realität, begriff auch, dass Modelle nötig sind, um die Realität zu bewältigen. Die Leistung der Erziehung besteht darin, diese Unterscheidung zu erschweren, allein indem eine verlangt wird“. S. 11

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„Meine Mutter war eine ehrgeizige Frau, die nach der Devise lebte, dass der Schein die Realität, das Sein aber Fiktion sei. „ S. 17

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„Meine Seele ist zwischen vier und sieben Jahre alt, und so alt wird sie bleiben bis an mein Ende. Alles, was ich erlebt habe bekommt Sinn und Form, wenn ich es aus den Augen des Vier-, Fünf-,, Sechs-, Sieben-Jährigen betrachte und von dessen weltanschauliche Warte aus analysiere.“ S. 25

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„Immer, wenn du „Weiß nicht“ sagst, wissen wir, dass du es weißt.“, S. 57

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„Vielleicht bin ich einfach nur ein Monster“, antwortete ich ihm. Er liebte mich zu sehr, um dem nicht zu widersprechen.“ S. 73

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„Ich sehe einen jungen Mann, der deutlich älter ist als seine Jahre, aber unschuldiger als mit sechzehn einer noch sein kann; der keinerlei Vorstellung hat von dem, was auf ihn zukommt, kaum Wünsche, dem die Zwecke weniger wert sind als die Schönheit der Gesten, die den Zwecken scheinbar dienen“. S. 240

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„Ich nahm mir nicht unbedingt vor, ein guter Mensch zu werden. Aber ich wollte lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.“ S. 425

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Meine Lieblingsfigur:

Der Vater von Joel

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Bewertung: 4 Buch-Bubis (von 5 Buch-Bubis)

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Fazit:
Ein unterhaltsamer, fiktiver Roman über einen Hochstapler, Ganoven und Verbrecher, der den Leser fesselt und immer wieder staunen lässt…

 

Weitere Informationen:

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Titel: „Die Abenteuer des Joel Spazierer„, Autor: Michael Köhlmeier, Verlag: Hanser, Hardcover mit Lesebändchen, 656 Seiten, Erscheinungsdatum: 28.1.2013, ISBN: 978-3446241787, Preis : 24,90 Euro (D)

Link zur Buchseite des Verlages: HIER

Buchtrailer You Tube: (2:28 Min.)

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Über BirthesLesezeit

Leseratte "Ü40" . Ich lese so ziemlich alles, was Buchstaben hat, wobei das Genre nebensächlich ist, Hauptsache, Geschichte und Schreibstil sprechen mich an.
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