[Rezension] „Gretchen“, Ruth Berger

Beeindruckende Umsetzung eines wahren Frankfurter Kriminalfalles aus dem 18. Jahrhundert

Inhalt:

1771: Die Frankfurter Dienstmagd Susann Margaretha Brand wird von ihrer eigenen Schwester angezeigt, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Dabei war sie doch gar nicht schwanger – oder?

Susann wird als Kindsmörderin festgenommen und rückblickend wird das letzte Jahr vor der Geburt des Kindes beleuchtet: Susann’s Charakter, ihre Familie, ihre Lebensumstände… Ihr wird der Prozess gemacht, die Gemüter sind erregt und die Stimmungen schwanken. Wie konnte es dazu kommen?!

Meine Meinung:

Als ich das Buch mit dem Titel „Gretchen“ in meiner Lieblingsbuchhandlung sah, dachte ich sofort an Gretchen aus Goethe’s „Faust“ – und siehe da: auch wenn der Name der der Faust-Figur zweifellos aus anderer Quelle kommt, legt Goethe seinem Gretchen Worte in den Mund, die die Dienstmagd Susann Margaretha Brand gesprochen hat. Eine Frau, die im Jahr 1772 in Frankfurt Aufsehen erregt hat – genauso wie ihr „Fall“ – in doppelter Hinsicht…

Tatsächlich hat die Autorin Ruth Berger vor dem Hintergrund des wahren Kriminalfalls der Dienstmagd Susann Brand einen beeindruckenden historischen Roman geschrieben, der lebendiger kaum sein könnte. Intensiv recherchiert und lebensnah umgesetzt, zeichnet sie ein detailgetreues Bild Frankfurts im 18. Jahrhundert, seiner Menschen, ihres Lebensstils und ihrer Einstellungen. Die Autorin, die selbst in Frankfurt lebt und arbeitet, führt den Leser durch Frankfurt’s alte Gassen, man spürt ihre Liebe zu dieser Stadt, zu seinen Menschen, auch wenn das Leben im 18. Jahrhundert alles andere als einfach war und die Gesellschaft geradezu gefangen war in ihren oft starren Ansichten. Die Protagonistin Susann wirkt 100% authentisch – als schwarzes Schaf ihrer Familie mit zwei älteren Schwestern, denen ihr Verhalten seit jeher ein Dorn im Auge ist, handelt sie als Kind ihrer Zeit: stets bemüht, sich anzupassen, scheiternd an ihren Charaktereigenschaften und den Einstellungen ihrer Mitmenschen.

Ein fiktiver Roman, der auf einer wahren Geschichte basiert. Zusammen mit einem sprachlich packenden und der Zeitepoche angepassten Erzählstil – unter Verwendung der damals gebräuchlichen Ausdrücke – zieht die Autorin den Leser vollkommen in den Bann. Man erfährt hautnah sowohl, wie es zu dem „Fall“ kommen konnte, aber auch über die Umstände der Untersuchung, des Urteils und der Vollstreckung desselben. Auch der Bürgerssohn Wolfang Goethe und seine Familie, die genau zu dieser Zeit ebenfalls in Frankfurt lebte, begegnen der angeklagten Susann Margaretha Brand, die vielleicht später sogar als Vorlage für Faust’s Gretchen gedient hat – wer weiß…? Auf jeden Fall erlebt man Goethe hier einmal erfrischend anders und auch hier hat Ruth Berger m.E. den richtigen „Nerv getroffen“.

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Mein(e) Lieblingszitat(e):

„Sie ist doch nicht dumm. Sie muss nur an ihre eigenen Lügen glauben.“

S.60

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„Diese Diagnose hatte der Doktor von seinem Stuhl aus gestellt, aus drei Metern Entfernung zur vollkommen angekleideten Patientin, wie es seinem Stand entsprach. Denn Patienten Betatschen und Befühlen – solche primitiven Methoden überlassen die studierten Physici natürlich den groben, ungebildeten Leuten wie Wundärzten oder pfuschenden Frauenzimmern.“ S. 181

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„Kinder pflegten ja elterliche Wohltaten im besten Falle selbstverständlich und elterliche Vernunft und vernünftige Vorschriften grundsätzlich zum Stöhnen zu finden – wiewohl sie wahrscheinlich heimlich froh und dankbar sind, dass irgendjemand sie davon abhält, ihre eigenen wilden Träume und Hirngespinste leichtfertig in die Tat umzusetzen.“ S. 187

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Meine Lieblingsfigur:

„Der Bonum“.

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 Bewertung:

5 Buch-Bubis bookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folderbookmarks_folder

 

Fazit:

Oft sehr detailliert, stets glaubwürdig, und einfach nur lesenswert für alle Liebhaber ernsthafter historischer Romane – für alle, die eintauchen möchten in das Leben im 18. Jahrhundert, basierend auf dem wahren Kriminalfall einer Frankfurter Dienstmagd, die vielleicht sogar als Vorlage für Faust’s Gretchen diente…

Weitere Informationen zum Buch:

Gretchen klein 978-3-499-24544-2Titel: „Gretchen“, Autor: Ruth Berger, Verlag: rororo, Taschenbuch, 464 Seiten, ISBN: 978-3499245442, Erscheinungsdatum: 01.12.2008, Preis: 9,99 Euro (D)

Verlagsseite Rowohlt: HIER

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Über BirthesLesezeit

Leseratte "Ü40" . Ich lese so ziemlich alles, was Buchstaben hat, wobei das Genre nebensächlich ist, Hauptsache, Geschichte und Schreibstil sprechen mich an.
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