„Die niedrigen Himmel“ – Anthony Marra, REZENSION

marra bild kleinDie niedrigen Himmel“ von Anthony Marra hat mich begeistert, sprachlich und inhaltlich vollkommen überzeugt und bewegt. Die Zitate sind mal humorvoll, mal tiefgründig, mal philosphisch…

Titel: Die niedrigen HimmelAutor: Anthony Marra, Verlag: Suhrkamp, Ausgabe: Gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen,  ISBN: 978-3518424278, 489 Seiten, Erschienen: 17. Februar 2014, Preis (D): Euro 22,95

Der Krieg und seine Macht auf das Herz der Menschen – Starkes Debüt!

Inhalt:
Achmed wohnt in einem kleinen Dorf in Tschetschenien, einem Land, das seit vielen Jahren vom Krieg gebeutelt wird. Als sein ältester Freund und Nachbar von den Föderalen verschleppt und dessen Haus abgebrannt wird, steht für ihn fest, dass er dessen 8-jährige Tochter Hawah vor dem Zugriff durch die Föderalen schützen muss – denn auch sie wird gejagt, warum weiß niemand. Doch eines ist sicher: ein Verräter ist unter ihnen und nicht nur Hawah lebt in ständiger Gefahr…
Achmed geht ein großes Risiko ein, bringt Hawah in das nächstgelegene Krankenhaus, wo sich die Ärztin Sonja künftig um sie kümmern und verstecken soll . Doch Sonja hat andere Sorgen: mit nüchterner Verbissenheit kämpft sie im halb verfallenen und verwaisten Krankenhaus täglich um das Leben vieler Verletzter, während sie gleichzeitig sehnlichst auf die Rückkehr ihrer verschwunden Schwester Natascha wartet. Sie nennt ihren Preis: Achmed soll im Krankenhaus helfen! Als sich die drei Menschen in dieser schwierigen Zeit der Zerstörung und Verfolgung langsam einander annähern, erhalten Begriffe wie Zusammenhalt, Vertrauen und Liebe nach und nach eine völlig neue Bedeutung. Das Schicksal – und der Krieg nimmt seinen Lauf.

Meine Meinung:
Realer Hintergrund und gleichzeitig Schauplatz dieses Debütromans von Anthony Marra ist der neueste Krieg in Tschetschenien. Wirkungsvoll – und gleichzeitig einfühlsam – beschreibt er den harten Alltag in einem Land, das von Krieg und ewigen Kämpfen zwischen Föderalen und Rebellen gezeichnet ist. Er entwickelt daraus und darin eine Geschichte, die spannender kaum sein könnte.
Dabei bedient sich Marra eines grandiosen und ausdrucksstarken Erzählstiles, der mich zu Beginn wahrlich überrascht und absolut gebannt hat. Es ist erstaunlich, welche Wortgewalt er an den Tag legt: Viele hintergründige, philosphisch anmutende und mit Metaphern durchsetzte Sätze, oft in sich verschachtelt, die dafür sorgen, dass man sie einfach nicht übergehen kann, sondern gezwungen wird, sich mit ihnen – und ihrer Bedeutung – auseinanderzusetzen, sie bewusst wahrzunehmen. Kein Roman also zum schnellen Lesen im Vorbeigehen, sondern ein Buch, das seine Aufmerksamkeit einfordert, will man es in seiner vollen Tiefe genießen und auskosten. Abgesehen von diesen Sätzen (die mein Zitatenheft zu Beginn fast schneller füllten, als ich lesen konnte 😉 ) liest sich dieser Roman angenehm flüssig und zieht den Leser schnell in seinen Bann.

Die fiktive Geschichte einer Handvoll Protagonisten, von denen jeder einzelne von einem eigenen (Kriegs-)Schicksal gezeichnet ist, ist gleichermaßen packend, bewegend als auch spannend und faszinierend. Innerhalb eines Zeitraumes von ca. 10 Jahren begleitet der Leser die verschiedenen Figuren und ihre Erlebnisse, schweift hin und wieder zu prägenden Erlebnissen in der Vergangenheit ab, um jedoch schließlich immer wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Die Zeichnung dieser Charaktere und der Ereignisse gelingt dabei sehr überzeugend, es fällt leicht, sich in Situationen wie Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen. Marra lässt seine Figuren die unterschiedlichsten Gefühle durchleben: Mitgefühl, Zweifel, Verzweiflung, Liebe, Resignation, Hoffnung, Freundschaft, Humor – und überträgt diese gekonnt auf den Leser, der sich bald darin wiederfindet.

Ich fand es wirklich beachtlich, wie geschickt Marra mit den Menschen und ihren Gefühlen umgeht, dabei keineswegs nur an der Oberfläche kratzt, sondern tiefer geht und wirklich deutlich zeigt, warum und wie der Krieg die Herzen und Wesen der Menschen beeinflussen kann, sie wachsen lässt – oder brechen, sie füreinander einstehen lässt – oder verrät.

Bei aller Traurigkeit und Trostlosigkeit des andauernden Krieges, der ständigen Gefahr, legt er dabei einen feinen, oft sarkastischen Humor an den Tag, der sich geschmeidig Situationen und Menschen anpasst. Einige Personen, die auf den ersten Blick vielleicht ein wenig emotionslos erscheinen, erhalten dadurch eine  lebendigere und sympathischere Note.
Den Einblick, den der Autor in Hintergrund und Kultur dies Landes gibt, vor dessen Kulisse dieser Roman spielt, macht neugierig und regt dazu an, sich eingehender darüber zu informieren.

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Meine Lieblingszitate:

„Kein Prophet hatte diesse Ende geweissagt. Weder Trompetenschall noch seraphischer Flügelschlag hatten dieses eine Feld mit diesem einen Mädchen angekündigt, das diese seine Hand hielt.“ S. 23

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„Er wusste nur, dass Ch. sein Freund war, ein anständiger Mann, und das war so selten wie Schnee im Mai.“ S. 74.

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Meine Lieblingsfigur:

Nein, es ist nicht Hawah, das kleine Mädchen (auch wenn sie sehr sympathisch ist), sondern eindeutig:

Achmed,

ihr Nachbar, der sein Leben riskiert, um sie zu retten und der sein Herz einfach am rechten Fleck hat. Sein Herz und sein Wesen hält allen Kriegen stand !

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Meine Bewertung:

5 Buch-Bubis

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Fazit:

Ein tiefgründiges, sprachlich wie inhaltlich atemberaubendes und absolut überzeugendes Debüt, das bewegt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ich bin sehr gespannt auf weitere Romane dieses Autors, der es so meisterhaft versteht, mit der Sprache zu jonglieren !
Ein Buch, das ich sehr gerne weiterempfehle !

Tipp für alle Zitatensammler: Ein Zettel reicht nicht – am besten einen Block bereitlegen ;-).

Extras:

Suhrkamp-Verlag Special-Seite: hier

Ein Brief des Autors an seine Leser (Suhrkamp-Verlagsseite): hier

Buch-Trailer  (49 Sekunden)

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Über BirthesLesezeit

Leseratte "Ü40" . Ich lese so ziemlich alles, was Buchstaben hat, wobei das Genre nebensächlich ist, Hauptsache, Geschichte und Schreibstil sprechen mich an.
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5 Antworten zu „Die niedrigen Himmel“ – Anthony Marra, REZENSION

  1. Pingback: Anthony Marra – Die niedrigen Himmel | Muromez

  2. masuko13 schreibt:

    Jetzt werde ich DOCH weiter lesen! Bin gerade im Romankapitel „Der dritte Tag“ (S.177) angekommen – dann ist mir ein wenig die Luft ausgegangen. Ja, wortgewaltig – das ist Marra, aber gleichzeitig überraschend witzig und voller Situationskomik (Ohne die man diese harte Story wohl auch kaum ertragen könnte). Erinnert mich an „Alles ist erleuchtet“.
    Ich mag Achmed auch sehr, doch momentan gehört mein Herz der Ärztin Sonja. Ihre etwas ruppige und gleichzeitig sensible Art gefällt mir sehr.

    Super, dass du zwar eindrucksvoll beschreibst, doch ohne zu verraten. Spätestens bei dem Trailer wußte ich – ich lese weiter! Jetzt.
    Danke, Masuko

    • birtheslesezeit schreibt:

      Hallo Masuko, freut mich, dass Dir meine Rezi gefällt – ich bin oft unsicher, möchte nicht spoilern, aber dennoch meine Eindrücke schildern. Ich bin froh, wenn mir dies einigermaßen gelungen ist und Marra’s Buch ist einfach GENIAL ! Ja, der Humor ist wirklich wichtig, um nicht allzu sehr von der düsteren Situation gefangengenommen zu werden. Und er passt – ist nicht zu komisch, sondern genau richtig dosiert an den richtigen Stellen eingesetzt. Ach, ich gerate schon wieder ins Schwärmen ;-). Lies einfach weiter, es lohnt sich und es gibt noch so vieles zu entdecken. Bin gespannt auf Deine Eindrücke. „Alles ist erleuchtet“ – muss ich mir mal ansehen – danke für den Tipp ;-). Liebe Grüße, Birthe

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Das Buch liegt hier schon und wartet darauf gelesen zu werden, deshalb habe ich deine Besprechung nur überflogen … 🙂

  4. Karthause schreibt:

    Das hört sich ganz nach einem Buch für mich an. Danke für diese schöne Rezension. Viele Grüße Heike 😉

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