„Stoner“ – John Williams – REZENSION

stoner klein-Titel: „Stoner“ – Autor: John Williams, Verlag: dtv,                                                  Meine Ausgabe: gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 352 Seiten, ISBN: 978-3423280150, Preis: 19,90 Euro (D), Erscheinungsdatum: Sept. 2013

Inhalt:
Der Autor John William erzählt in „Stoner“ die Lebensgeschichte des William Stoner, der sich an der Universität einschreibt, um Agrarwissenschaft zu studieren. Mit den erworbenen Kenntnissen soll er der Farm seiner Familie zu neuem Aufschwung, zu mehr Erträgen verhelfen. Doch Stoner erkennt bald, dass ihm Erkenntnisse über die Bewirtschaftung des Ackerbodens nicht wirklich interessieren, dass seine Zukunft nur in der Welt der Literatur liegen kann. Mehr oder weniger heimlich „sattelt“ er um, studiert Literaturwissenschaft, sein Leben nimmt seinen Lauf:
Er studiert, verliebt sich, heiratet, promoviert, wird Professor, Nachwuchs kündigt sich an, kurzum: er führt ein Leben, das geprägt ist von Literatur, Arbeit, Familie. Ein ganz normales – und einfaches Leben, so scheint es auf den ersten Blick, wenn man seinen Lebenslauf kurz und knapp beschreiben wollte.

Meine Meinung:
Doch das will John William nicht – er lässt den Leser am Schicksal seiner –fiktiven – Figur Stoner teilhaben und zeichnet dadurch das aufrüttelndes Bild eines Professoren und Dozenten, dessen Leidenschaft zur Literatur ihm oft den Blick zur Realität zu verschließen scheint. Seine geistige Einstellung ist gutmütig, genügsam – er scheint oft fast schon lethargisch zu sein. Nur sehr selten kommt er aus sich heraus, kämpft um sich oder seine Einstellung. Und dennoch wird sein Stolz nur zu deutlich, den er sich stets bewahrt. Als Leser – und Beobachter – fragt man sich oft, wer die Schuld an der Misere trägt – er selbst, seine Frau, sein Umfeld?

Ich fand es sehr interessant und aufrüttelnd, Stoner zu begleiten, seine und auch die Entwicklung der Gesellschaft zu verfolgen, etwas über das Leben am Campus zu erfahren.

Seine Bemühungen rührten mich: seine Bemühungen zum Beispiel,  seine literarische Leidenschaft an seine Studenten weiterzugeben, seine Bemühungen, die Liebe zu finden,  seiner Tochter ein guter Vater zu sein,  die Liebe zu leben!

Der Zeitraum dieses Roman umfasst 65 Jahre – Jahre, die Stoner sowohl den ersten als auch den zweiten Weltkrieg miterleben lassen, und in denen die Gesellschaft so manche Entwicklung mitmachte.
Ich ließ mich immer wieder von Stoner’s literarischer Begeisterung anstecken und wusste dennoch nicht so recht, ob ich ihn bewundern oder bemitleiden soll.  Es ist wohl eine Mischung aus beidem…

Eines jedoch steht zweifelsfrei fest: der flüssige und dennoch oft fast schon melancholische Schreibstil unterstreicht und verstärkt die Eindrücke und Erfahrungen, die Stoner macht, überaus wirkungsvoll und gleicht oft die mir persönlich fehlende Nähe zum Protagonisten aus. Der Leser bleibt Beobachter, der Autor lässt eine allzu große Nähe zwischen Leser und Stoner nicht zu, was aber gewollt ist und seine Wirkung nicht verfehlt.
Insgesamt bleibt die Stimmung leicht melancholisch, grüblerisch, wirkt dadurch bedrückend und lässt kaum Raum für das Gefühl der Fröhlichkeit oder gar Lebensfreude. Schade fand ich, dass den positiven Zeiten und Momenten, die Stoner leicht erkennbar durchaus hatte, so wenig Raum gegeben wird …

Und so klappe ich am Ende nachdenklich gestimmt das Buch zu und sinniere über das Leben…

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Autor, der Texaner John Williams diesen Roman bereits 1965 veröffentlichte. Er wusste sehr wohl, wovon er schrieb, als er Stoner die Rolle eines Professors und Dozenten „verpasste“, denn auch Williams selbst promovierte in Englischer Literatur und war Dozent an der University. Damals wurden von seinem Roman wohl nur ca. 2.000 Exemplare verkauft, es geriet in Vergessenheit, bis es vor einigen Jahren wiederentdeckt und neu aufgelegt wurde – mit überaus großem Erfolg !

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Mein Lieblingszitat:

 „Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens,  wie sie sich in den kleinen,  seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigte, in der schwärzesten, kältesten Druckertinte  – die Liebe, die er verborgen gehalten hatte, als wäre sie gefährlich und verboten, diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.  (S. 144)

Meine Lieblingsfigur:

Neben Stoner selbst, der mir allerdings fast schon zu passiv bleibt, ist meine Lieblingsfigur eindeutig:

    Gordon Finch.

Wer ist er? Gordon Finch ist ein Studienfreund Stoners, der später Dekan der an der Universität wird, an der auch Stoner unterrichtet. Er ist und bleibt bis zum Schluss vollkommen loyal gegenüber Stoner, erweist sich als wahrer Freund und stärkt die Bedeutung dieser überaus wichtigen Werte.                                                                            Insgesamt bleibt er zwar in der Geschichte rund um Stoner eine Randfigur, aber der Charakter des Gordon Finch macht einfach Mut .

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Fazit:

Ein emotionaler – und fast schon philosophischer – Roman über die Kraft und Leidenschaft der Literatur, der Freundschaft, Liebe, dabei unterhaltsam und bewegend. Absolut lesenswert und daher 4 Buch-Bubis:

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Extras:

Hier geht’s zur Verlagsseite des Buches bzw. zu einer interessanten – kurzen – Ausführung darüber, wie es dazu kam, dass das Buch „vergessen“ und heute wiederentdeckt wurde.

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Über BirthesLesezeit

Leseratte "Ü40" . Ich lese so ziemlich alles, was Buchstaben hat, wobei das Genre nebensächlich ist, Hauptsache, Geschichte und Schreibstil sprechen mich an.
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2 Antworten zu „Stoner“ – John Williams – REZENSION

  1. pimisbuecher schreibt:

    Huhu, ich habe dir mal ein Stöckchen zugeworfen, wenn du es fangen möchtest, würde ich mich freuen 🙂
    http://pimisbuecher.wordpress.com/2014/02/13/stockchenalarm-ich-lese-gerade-und-ich-mochte-unbedingt-lesen/

  2. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Birthe,

    danke für die wunderbare Besprechung, die mir ein Buch in Erinnerung ruft, das auch ich sehr gerne gelesen habe. Es ist eine wirklich aufwühlende Reise, auf die man Stoner begleitet, ich war aber sehr gerne an seiner Seite.

    Ich bin gespannt ob in Zukunft noch weitere von den Büchern des Autors auch auf Deutsch erscheinen werden.

    Liebe Grüße
    Mara

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